Wie bereits im ersten Teil der Trinkprotokolle zum Wagramer Wein-Festspiel bei Toni Mörwald angekündigt, ließen Elisabeth Finkbeiner und Andreas Fuchsberger die Genese des Weinguts „Tenuta del Nicchio“ nacherleben. Man hätte auch einfach den seit 2007 gefüllten Lodovico präsentieren können. Doch der Umgang mit Cabernet Franc als dominanter Sorte dieses Projekts von Marchese Lodovico Antinori zeigte sich in den drei Weinen, die damit arbeiten, viel klarer.
Wenn man so will, zeigt der Altmeister verschiedene Weg auf, die man mit diesem Bestand gehen kann. Der als Art Zweitwein nach Art französischer Chateaux‘ konzipierte „Due Ville“ etwa akzentuiert zwar die Frische, versucht aber die Schattenseiten der Rebsorte nicht mitzunehmen. Als Fassmuster kommt der Jahrgang 2023 – damals noch von Kellermeisterin Helena Lindberg und Konsulent Michel Rolland abgefüllt – ins Glas. Vergoren wird dieser Wein mit einer Dosis Merlot, vor allem aber der alten Sorte Ciliegiolo, die schon im Namen die Kirsche („cilegia“) trägt. 20% davon, bewußt im Stahltank für mehr Frische vergoren, sind das Gewürz dieser Cuvée. Fast staubig wirkt dieser Wein zu Beginn, dann kommt langsam die rote Fruchtigkeit auf Touren. Die Nase bemerkt zuerst Kornellkirsche, die sich als Gerbstoff-reiche und säurige Frucht zeigt, ehe der „CF“ sich mit seiner Paprika-Signatur sein Recht beansprucht. Doch auch Unterholz und Moss sowie leichte Trockenkräuter-Aromen notieren wir – dafür kennt man den Ciliegiolo auch. Und selbst wenn wir bei einem Wein aus der Maremma sitzen; das hat etwas von Herbes de Provence-Mischungen.
Doch all diese Finessen sind ohnehin zweitrangig, sobald man den „Le 2 Ville“ kostet. Extrem seidig ist der Eindruck von seiner Textur, die Gegensätze zwischen molligem Merlot und kantigerem Cabernet sind praktisch aufgehoben. Kirsche ist nun in klassischer und reifer Form zu schmecken. Etwas rosinierter Schmelz von Überreife kommt dazu. Viel spannender aber ist, was nicht da ist: Null Tannin merkt man am Gaumen, dafür dreht nun der Geschmack in Richtung Sauerkirsche. Auch nach hinten hinaus bleibt der noch ungefüllte „Le 2 Ville“ säurig und frisch. Das ist feiner Rotwein aus Italien, der das Kunststück schafft, schon in der Jugend Gerbstoff wegzuzaubern und Frische zu erhalten. Beides keine kleinen Leistungen!
Wenn man unserer Einschätzung folgt, dass das Weingut mehrere Typen von Cabernet Franc auf die Flasche bringt, dann ist der „Il Nicchio“ seine ungezähmte Form. 100% der Sorte sind es hier. Doch beim 2022er, den wir ins Glas bekommen, ist die Aromatik anfangs nicht so ungestüm, wie man das vermuten würde. Selbst die Pikanz richtet sich eher nach innen. Jugendlich und sehr offen wirkte der Wein aus Bolgheri. Man denkt an Weichselmarmelade bei dieser Frische, weniger an Paprika, schon gar nicht an Grünen.
Der wildeste CF und die vier „Lodovicos“
Saftig und mit viel roten Früchten, allerdings eher trockener Art (Berberitzen vielleicht), liefert der Cabernet Franc eine Fülle an Grip und Gerbstoff. Doch lang und würzig ist der Ausklang; hier sind würzige Kräuter von Salbei über Lorbeer versammelt. Im Nachgeschmack darf dann auch Mokka und dunkler Gerbstoff seine Muskeln zeigen. Hier geht es ums Abstoßen der Hörner, aber vor allem die Textur weist schon in Richtung der Seidigkeit – der Geschmack wird folgen.
Gänzlich in diese unglaubliche Technik, einen fast reinsortigen „CF“ mit seidigen Konturen zu schaffen, taucht man dann beim „Lodovico“ ein. Der große Wein des Hauses (keine 10.000 Flaschen gibt es davon) hat vor allem mit dem Jahrgang 2019 einen echten Bannerträger für das Projekt. Wir trinkprotokollierten ihn vor einiger Zeit hier schon – im Dialog mit dem Marchese persönlich. Damals waren alle Vorzeichen positiv, nun hat die Flaschenreife das erwartete Ergebnis erbracht. Immer noch riecht es herrliche nach Cabernet Franc, sobald der 2019er eingeschenkt ist. Moos und „Sportgummi“ bringen die würzige Ader zum Vorschein. Im Geschmack hat er zugelegt – als wahrhaft strahliger Saft kommt der „Lodovico“ auf den Gaumen. Der Gerbstoff ist total weggeschmirgelt und macht so Platz für die herrliche Pikanz. Man schmeckt Rauchpaprika und der Rotwein glüht förmlich nach. Das ist ein erstes Genussplateau!
Der Jahrgang 2015 hat eine Nase, die ihn reifer wirken lässt, als er ist: Carob und Granatapfel-Sirup bringen leichte Bitternoten im Geruch mit. Doch am Gaumen erweist sich auch dieser Wein als sehr druckvoll und überrascht aber im Fruchtausdruck. Hier darf man höheren Merlot-Anteil vermuten, denn die dunklen Beeren sind ausgeprägter als bei den anderen Weinen der Vertikalen. Aber man lernt: Zehn Jahre nach der Ernte ist eine gute Empfehlung für das erste Öffnen der „Lodovico“-Weine.
Ich wollte einen Cabernet Franc schaffen, der Ecken und Kanten hat so wie ich!
Marchese Lodovico Antinori, Winzer-Legende
Schlehe und ein generell intensiver Duft nach Gerbstoff-reichen, roten Früchten zeichnet dann den 2013er aus. Auch die bereits beim 2015 zu findenden Früchte des Johannisbrotbaums mit seinen herb-säurigen Noten begegnen uns hier wieder. Man darf hier eine Feststellung treffen: Satt, aber nie schwer wirkt dieser Wein. Nach hinten hinaus schmeckt man die pikante Art der Rebsorte. Sie ist hier aber eher eine Reminiszenz, als die Standarte, der alles folgt. Dennoch klingt auch dieser Jahrgang lange und leicht „bremselnd“ auf der Zunge aus. Sehr lebendig sind sie jedenfalls alle drei. Wobei das Jahr 2019 auch hier ein speziell gute war.
Das darf man auch angesichts des 2021er „Lodovico“ als letzten Wein des Abends vermuten. Denn er wirkt ähnlich kompakt wie der 2019er, von dem man vielleicht einige Lehren ziehen konnte. Heißer Ziegelstein im Duft, Rote Apfelschalen, Cranberry und „Dirndl“ sind im Geruch beisammen – allesamt aber ohne Säure. Und nur mit wenig Bitter-Akkorden. Das setzt sich auch im Geschmack fort. Saftig und erneut ohne die Bremse aus Tanninen rinnt dieser jüngste Wein über die Zunge. „So muss eine Cuvée sein“, trinkprotokollierten wir. Denn keine Sorte drängt sich vor, auch der massive „CF“-Anteil geht hier zugunsten des Ganzen in den Hintergrund. Was verbleibt dann aber?
Ein bereits jetzt sehr strahlender und fruchtsatter Wein, der allenfalls mit etwas Paprika verrät, dass man doch noch zuwarten sollte. Darauf, dass auch er zu den Höhen eines 2015er oder 2019ers aufschließt!
Bezugsquellen:
Tenuta del Nicchio, „Le 2 Ville” ist noch als Jahrgang 2023 um EUR 37,90 erhältlich, der „Il Nicchio“ 2021 kostet EUR 279,- beide bei Markus Saletz in Reutte, www.markus-saletz.at
Tenuta del Nicchio, „Lodovico“ gibt es aus dem Jahrgang 2021 um EUR 499,- bei Superiore im Webshop, www.superiore.de






