Irgendwie scheint den jungen Menschen ein „Ja“ oder „Sicher!“ nicht mehr zu reichen. Immer öfter hört man auf Entscheidungsfragen ein emphatisches „Voll!“. Was im persönlichen Umgang irritiert („Hast Du die Mama schon angerufen?“ – „Voll!“), kann man angesichts der neuen Abfüllung von Glenglassaugh durchaus mal selbst brauchen. Denn das „Voll“ ist in diesem Fall (nicht: „Foll“!) zu betonen. Es geht dabei nämlich um die Reifung, die man in der Destillerie an der Sandend Bay dem neuen „15 years“ angedeihen ließ. Das ist nämlich nicht nur ein recht lässiges Whiskyalter, wie wir persönlich meinen. Sondern Rachel Barrie als Mastermind der Brennerei hat auch die gesamte Reifedauer – und nicht nur ein „Finish“ – in den aktuell wohl beliebtesten Fässern der Sherry-Welt vorgesehen. Doch der Pedro Ximénez alias „PX“ bekam auch nicht näher definierte spanische Weinfässer an die Seite. Deren Ausdruck im Whisky allerdings ist gering, wie wir trinkprotokollieren werden.
„Voll“ hingegen ist der Sherry da. Denn das Gegenteil wäre eine „Teilreifung“, bei der die Belegung einer zweiten Fass-Art nach der US-Weißeiche (besser: Ex-Bourbon-Fass) kürzer ausfällt als die „Hauptreifung“. In der Regel sogar dramatisch kürzer. Ein Beispiel wären 11,5 Jahre gegenüber sechs Monate Finish-Dauer. Aber so lange die Teilreifung beim „Double Ageing“ oder „Double Cask“-Verfahren kürzer ist, sind auch sechs und vier Jahre für die einzelnen Passagen denkbar.
Bei der zu Brown-Forman, dem US-Giganten aus Louisville, gehörigen Highland-Brennerei sind es aber „echte“ 15 Jahre. Man hat offenbar genug Fässer in Jerez erworben. Denn der neue Whisky wird Teil des Glenglassaugh-Kernsortiments, das 2023 optisch überholt wurde. Somit werden die eleganten Flaschen auch in anständiger Menge gefüllt. Was fein ist, denn schon seine Farbe deutet an, dass man hier eine lange Sherry-Fass-Lagerung vor sich hat. Das Rotgold des Single Malts ist nicht gefärbt worden und Fast am Weg zu einem Mahagoni-Ton. In der Nase kann der nunmehr älteste Glenglassaugh im Standard-Sortiment den Sherry-Einfluss ohnehin nicht abstreiten!
Das schöne Adjektiv „briny“ wäre hier angebracht, doch im Deutschen klingt „wie Einlegeflüssigkeit“ eher seltsam. Belassen wir es also bei „salzig“, obwohl das die Qualität des nach Kapern-Lake duftenden Whiskys nicht ganz trifft. Aber es passt zu der Eigendefinition der Brennerei, die sich aufgrund der Meeresnähe als „Coastal Malt“ bezeichnet. Ein weiteres Sherry-Charakteristikum, die ausgeprägten Nuss-Noten, entdeckt die Nase ebenfalls. Doch „PX“ ist ja ein süßer Sherry-Typus? Keine Sorge, das kommt – „voll!“ – zum Ausdruck. Roter Weingummi und Toffee sind gleichermaßen da. Doch die Süße bleibt olfaktorisch; am Gaumen ist es zunächst die salzige Ader, die sich durchsetzt. Dunkel und tiefgreifend ist der Geschmack. Datteln und Schokolade werden von einem ganz leichten, aber merklichen Rauch-Ton gewürzt. Die gedämpfte Frucht dreht in Richtung eines Kaffee-artigen Finales.
Das ist keine Täuschung, wie ein paar Tropfen Wasser noch klarer aufzeigen. Sie stehen dem 46% vol starken Glenglassaugh auch gut. Die Textur im Mund wird cremiger, der dunkle Schoko-Ton bekommt mehr Schmelz. Und auch der Sherry zeigt sich deutlicher. Ein wenig erinnert dieses Gesamtpaket ältere Whisky-Sammler an so manchen Malt aus den späten 1990er Jahren. Und wir sagen dazu nur: „Voll“!
Bezugsquelle:
Glenglassaugh, „15 Years Old“ ist um EUR 79,90 (0,7 Liter-Flasche) beim Online-Händler Weisshaus erhältlich, www.weisshaus.at




