Der Countdown läuft. Denn Ardgowan, die schottische Destillerie mit dem österreichischen Eigentümer Roland Grain, produziert bereits. Doch wie man weiß, dauert es zumindest drei Jahre, ehe man dann auch Whisky im Lagerhaus hat. In der Speyside will man es zudem nicht bei einem „Dreijährigen“ belassen, wie man hört. Doch so lange will man die Whisky-Fans nicht warten lassen. Zumal Grain deren Wüsche gut kennt, ist er doch auch einer der Männer hinter dem bekannten Spezialgeschäft Potstill in Wien. Und so füllte er Malts aus bestehenden Brennereien, die teils genannt werden dürfen (Littlemill, Aberlour, Fettercairn). Aber auch bei denen, wo nur die Herkunftsregion bekannt ist, kann man einiges entdecken.
Als Namensgeber der „Boutique-Reihe“ wählte Roland Grain jedenfalls das markante „Clydebuilt“. Es war ein Synonym für die Qualität der Schiffswerften entlang des Flusses Clyde. Einen Auszug davon bekamen wir ins Glas beim „Liquid Market“ zu Wien. Diese Dreier-Serie aus 12 Jahre alten Whiskys erlaubt einen interessanten Vergleich zwischen den Füllstärken. Der symbolträchtigste ist natürlich der „Official Opening Day Release”: Er erinnert an den historischen Tag der Eröffnung der Brennerei Ardgowan am 20. Juni 2025. Doch nicht um ihn soll es in diesem Trinkprotokoll gehen.
Ebenfalls aus der Speyside stammen die anderen beiden, von denen der „12-year-old Sherry Cask Matured” so etwas wie die Volksausgabe darstellt. Der erschwingliche Single Malt reifte in einer Kombination aus Sherry-Butts, der eine Phase in Hogsheads (= 250 Liter) folgte, die zuvor Oloroso– and Pedro Ximénez-Sherry beinhaltet hatten. Dieser „12 years“ ist sehr gut ausbalanciert, was schon im Geruch auffällt. Viel dunkles Malz bringt Pumpernickel-Anklänge; die Nuss-Noten der Sherry-Reifung stehen dicht dabei. Freilich muss man ein wenig Wasser aufwenden, um die Nuancen dieses Single Malts weiter wachzuküssen. Sonst haben die 46% Volumsprozent einen zu starken Widerpart zu den geschmeidigen, aber leisen Geschmackseindrücken von Kakaopulver, gedämpfte Maroni und auch Feigen.
Der Unterschied zum „100 Proof Sherry Cask Matured“ liegt also ausschließlich in der Füllstärke. Und die ist nicht für die Zartbesaiteten gedacht. 57,1 % vol. bringt die Sonderabfüllung von Ardgowan mit. Man lernt auch gleich etwas über Maßeinheiten. Denn die britischen „100 proof“ entsprechen nicht 50% vol. wie in den USA, sondern 57,1%. Es ist die alte Marke, bei der Whisky (oder Rum) Schießpulver entzünden konnte. Die historische Reminiszenz steht der wahren „Sherry-Bombe“ des Duos aber gut. Dieser Clydebuilt kommt Mahagoni-farben ins Glas und verströmt einen Duft, der uns in die Mittelschulzeiten zurückbeamt – da gab es die „Milketten“.
Genau diese Milchschokolade-Sanftheit strömt auch auf dem Whiskyglas, Cremig wirkt dieser olfaktorische Eindruck, denn auch an Erdnussbutter darf gedacht werden. Saftig und mit feiner Würze straft er das Etikett und dessen 57,1% vol. Lügen. Denn weniger Pfeffer als vielmehr Muskat ist die Gewürzkastl-Note, die der Alkohol da über den Gaumen trägt. Schokolade ist nicht gerade geizig ebenfalls mit von der Partie. Im Finish darf dazu auch ein roter Frucht-Akkord aufleuchten. Lange und sehr wärmend ist dieser Whisky. Zum echten Leckerbissen wird auch er mit ein, zwei Spritzern Wasser. Doch im Gegensatz zum „12 Years Old – PX Sherry & Oloroso“ braucht er in nicht zwingend. Die spannendere Wahl ist in der Tat diese Clydebuilt. Doch vor allem erfreut das Experiment, das Whiskyfreunde selten genug von Destillerien geboten bekommt. Und auch wenn Ardgowan noch keine eigenen Abfüllungen hat: Dieser Vergleich macht definitiv Spaß, wenn man Single Malts mag!
Bezugsquellen:
Ardgowan Distillery, „Clydebuilt 12 Years Old – PX Sherry & Oloroso” wird um EUR 56,- angeboten, der „Clydebuilt 12 Years Old – 100 Proof” kostet EUR 78,-; beide beim Importeur Potstill, www.potstill.org




