Unverhofft kommt eben doch oft. Denn dass man ausgerechnet auf der Baltischen See den ersten afrikanischen Whisky zu kosten bekommt, ist nicht planbar. Doch nach unserem Tastings für die Passagiere der „MS Europa“ (ein trinkprotokollarisches Sommer-Vergnügen!) meldete sich einer der versiertesten Zuhörer zu Wort. „Ich mache übrigens selbst Whisky“. Damit hatten Esther und Wolfgang Koll natürlich sofort die Aufmerksamkeit. Und es wurde nur besser, während sie die Geschichte von Ondjaba erzählten.
Denn ursprünglich hatte man in Südwestafrika ganz Anderes im Sinn. Olivenöl sollte aus dem neuen Heimatland kommen. „Doch die Bäume sind uns erfroren“, kann die Wüste in Namibia auch sehr kalt sein. „Gar nichts zu machen“ war für den früh ausgestiegenen Entrepreneur aus Europa aber keine Option. Weshalb es Weinbau wurde, „die Reben sind doch robuster als die Oliven“, so seine Erkenntnis. Doch die „Erongo Mountain Winery“ blieb nicht das einzige flüssige Abenteuer des Paares.
2020 füllten sie den ersten Whisky Namibias, der nach dem lokalen Wort für Elefant benannt wurde. „Mittlerweile gibt es sechs Varianten vom Ondjaba“, erklärt Wolfgang Koll. Sie alle sind „peated“, also „getorft“, malt er zugleich Anführungszeichen dazu in die Luft. Denn Torf gibt es im trockenen Namibia keinen. Geräuchert wird das Malz acht Stunden lang mit einem Rohstoff, denn es Tonnen-weise gibt: Elefantendung. „Der ist ganz trocken“, klären die Kolls die Europäer auf. Elefanten ernähren sich von Bäumen, nicht von Fleisch! Neben Gerste und Mais kommt aber auch beim Getreide selbst eine lokale Besonderheit zum Tragen. Mahangu ist eine uralte Hirse-Sorte, die von lokalen Getreidebauern bezogen wird.
Nicht zuletzt reift der „Elefantendung-Whisky“ auch anders. In den Lagerhäusern hat es zwischen 50 und 55 Grad, was mit der trockenen Luft zu einem Phänomen führt, das man aus Teilen Kentuckys kennt: Der Alkohol im Fass steigt, während Wasser verdunstet. Der „Angels‘ Share“ sorgt aber auch für eine intensiveren Austausch zwischen Fassholz und Spirituose. Zumal Koll auch bereits die „low wines“, also die erste Stufe des Whiskys mit 11% vol höher führt als die Schottland-üblichen acht bis neun Prozent. „Hitze dehnt aus, wie wir wissen, so treiben wir den Whisky tiefer ins Holz“.
Das sieht man den Bränden in der Flasche mit dem Leder-Stopfen auch an. Denn als erstes kommt der mit 46% vol gefüllte „Ondjaba Classic“ ins Glas. Es ist ein idealer Wert für Whisky und flößt auch Vertrauen ein. Kein gieriger Controller hat auf 40% vol bestanden, ist einer der Subtexte. Und auch die Malzsüße wird gut konterkariert von dieser Füllstärke. Schön ist auch die Optik, denn das Mahagoni im Glas zeigt, dass die Rotwein-Fässer wirklich intensiv auf das „liquid“ in ihnen Einfluss genommen hat. Sie kommen frisch – und das heißt: noch feucht vom Wein – direkt aus der Winery der Familie.
Eigene Weinfässer und Elefanten-Mist
Und dann ist da auch schon der Rauch-Ton des Elefantenmists, auf den wir zugegebener Maßen neugierig waren. Es hat nichts mit Torf und seiner Hochburg Islay zu tun, was man hier riecht. Vielmehr denkt man bei dieser Art an den Tabak-gesättigten Duft eines begehbaren Humidors. Was fürs erste an geröstete Kastanien erinnert, wird mit mehr Luft zu einem an Ganz-Nuss-Schoko erinnernden Duftbild. Dass der Whisky aus Namibia Luft braucht, merkt man auch beim Verkosten. Er legt nämlich laufend eine Schippe mehr zu.
Die schöne Viskosizität kommt zusammen mit kaltem Kakao und dem Rauch ähnlich daher wie „Caol Ila“, wenn man schon ein Islay-Vorbild suchen mag. Feine Akzente setzen Karamell und Piment, doch die Saftigkeit und Würze der Rotweinfässer erhält die Frische dieses „Triple Grain“ bis zum Schluss.
Noch interessanter wird es aber, wenn der Elefantendung auf Portwein-Fässer trifft. Das tut er nicht ganz, weil die Gebinde nicht aus Portugal stammen, sondern von den Kolls selbst befüllt werden. „Gravino“ ist der namibische Likörwein, der von der Machart an Floc de Gascogne erinnert. Es geht also um Süße, aber auch Tiefgang. Das lesen wir schon vom Glas ab, das den „Ondjaba Gravino“ beinhaltet. Noch ausgeprägter ist der Mahagoni-Ton, eine dezente Vanille-Note und Karamell zeigen die sanftere Gangart bei dieser Abfüllung im Duft an. Dahinter wird es wieder eigenständig: Ein wenig Molke, aber auch Bananen-Chips und gelbe Früchte sind zu riechen.
Doch man soll sich nicht täuschen! Reichhaltig und eindeutig rotfruchtig fällt der Kostschluck aus. Kräuter schwingen dabei mit, doch sie gehen bald in Richtung cremiger Nuss-Akkorde über. Macadamia und Maroni machen den Mittelteil aus, ehe das Fass-Holz kurz sein Haupt erhebt. Dann fächert sich der Ondjaba komplex auf. Das internationaler Verkoster-Wort dafür wäre „confectionary“ – Schokolade, sanfte Gewürznoten und Mandelsplitter bilden die Nachhut eines wirklich gelungenen Whiskys. So exotisch seine Story sein mag, der Brand aus dem „Gravino“-Fass spricht für sich selbst.
Bezugsquelle:
Ondjaba, Classic wird um EUR 69,90 (0,7 Liter-Flasche) angeboten, der „Gravino Cask Finish“ um EUR 74,90 – beide beim deutschen Spezialisten Kirsch, https://kirschwhisky.de








