Persönlich bin ich Johannes Zillinger recht dankbar. Denn wer sich online eher rarmacht, verpasst neben sinnlosen „Trends“ mit Ein-Tages-Halbwertszeit auch Interessantes. Etwa, dass der Winzer aus dem Gänserndorfer Bezirk sich mit 96 Punkten beim US-Weinmagazin Wine Enthusiast in die Liste der Top-100-Weine der Welt eintrug. Und wer jetzt Reflex-artig „Veltliner“ schreit, hat leider unrecht. Zillinger punktete mit einem Riesling des Jahrgangs 2021. Das nahm er zum Anlass, alle Weine aus seiner „Numen“ genannten Serie in einer kleinen Vertikale herzuzeigen. Mit Partner Tastes of Austria hatte man dafür echte Raritäten aufgefahren, wobei es dabei nicht um das Wein-Alter ging. „Von manchen Jahrgängen haben ich nur mehr Flaschen“, so der Winzer, der „früher nie viel zurückgelegt hat“. Was in der Tat schade ist, wie der erste Flight im Glacis-Beisl zeigte.
Der widmete sich dem Weißwein, mit dem einst alles begann. „Fumé Blanc“ nützt ein Synonym des Sauvignon Blanc, der wie alle „Numen“-Weine rund um den Kalkstein-Steinbruch Steinthal wächst. Dafür wurden 60 Jahre alte Stöcke – zuvor eine Zweigelt-Anlage – umveredelt auf die weiße Sorte. Der nicht mehr erhältliche Jahrgang 2012 zeigt, wie herrlich das schmecken kann, sobald auch Reife die Primärfrucht abgeschliffen hat. Rauchig, nach Nektarine, trockenem Süßholz und gelbschaligem Apfel – das könnte auch reifer Grüner Veltliner sein!
Persönlicher Favorit war aber der 2017er „Fumé Blanc“. Und der Grund hieß „Senf“. Die süß-saure Pikanz hatte sich schon in der Nase abgezeichnet, hier kommt sie aber neben der Rauchigkeit auch im Geschmack durch. Der Gerbstoff zeigt noch jugendliche Power, dieser „Numen“ ist aber schon jetzt ein Einser-Tipp zu Chicken Korma oder einer Tajine mit Oliven und Huhn. Aber was nützt unsere Verliebtheit, wenn es aktuell nur mehr einen Jahrgang auch zu erwerben gibt? 2022 hat der „Fumé Blanc“ ein fast absurde Intensität von Holunderblüten („St. Germain“-Style!) zu bieten, unreifer Pfirsich und ein Hauch Amarettini notierten wir auch. Weiße Trauben, Pitahaya und final eine kühle Ananas-Note sind die geschmacklichen Eindrücke. Pure Frucht, aber kein Gramm Zucker, ergeben mit der frischen Säure des jungen Weines eine ordentliche Spannkraft. Als erste Wein des Tastings war das perfekt auch in der Abfolge platziert!
Apropos Abfolge: In jedem Flight gab es einen betont rauchigen Vertreter. Allerdings ließ sich das nicht am Erntejahr festmachen. Der so „smoky“ ausgestattete 2012er vom Sauvignon Blanc fand etwa beim Veltliner des gleichen Jahrgangs kein Pendant. Der war kühl und salzig wie Austern-Saft. Wie gerösteter Sesam hingegen wirkte die rauchige Duftspur beim 2015 im Veltliner-Flight der „Numen“-Reihe. Kamille, Säure und Pomelo im Hall verbanden sich hier mit einer Fülle an Trockengewürzen. Im Duft dachte man an Gewürzkekse wie die belgischen „Speculoos“. Doch ehe wir abschweifen, zurück zum 2022er als noch erhältlichem „Numen“-Veltliner. Die Gewürze – hier besonders gemahlene Zimtrinde – finden sich auch in diesem Jahrgang. Sie begleiten einen von Gelbem Apfel und Quitte geprägten Frucht-Duft. Saftig und rund, wie man das auch erwartet nach dem ersten Duft, kommt der 2022er auf die Zunge. Etwas Zitronen-Abrieb und erneut viel Apfel-Ausdruck liefern sortentypische Eindrücke. Viel Nachdruck entwickelt dieser Jahrgang am Gaumen, doch man muss noch warten, dass sich die feine Klinge, die Zillinger führt, hier auch im Geschmack niederschlägt. Vielleicht wird er ja auch wie der 2017er?
Wie sehr sich die Machart der rund 10% der Produktion umfassenden „Numen“-Weinen ausdifferenziert hat, zeigt am schönsten der Riesling-Flight. Was von den 45 Jahre alten Stöcken geerntet wird, wird zu 30% als ganze Traube gepresst, der Rest wird drei Tage angegoren, als Frische-Booster kommen noch 10% frische Trauben hinzu. Im aktuellen Jahrgang 2022 ergibt sich daraus ein Wein mit der aktuell so geschätzten Reduktionsnote. Dahinter wartet aber eine expressive Frucht (Papaya, gedörrte Ananas) und ein ätherischer Zug, der ein wenig Eukalyptus mitbringt. Am Gaumen überrascht eine leichte Fruchtpikanz, die an geraspelten Ingwer erinnert, der feine mineralische Ton wird aber schnell von einer Woge an Frucht überspült. Golden Delicious, Quitte und Nektarine sind alle drei zu schmecken. Satte Gelbfrucht, herbe Grundierung und leichte Sortentypizität dank Fruchtsüße bringt diese Trias zum Klingen. Die frühe Form und Zugänglichkeit, ja, man darf „Süffigkeit“ hinschreiben, begeistert.
Nur manchmal raucht’s in Götzendorf
Doch der stärkste Gegner des 2022er Riesling ist der Riesling „Numen“ 2021! Feiner Rauch, dazu Pomelo-Abrieb und Grapefruit-artiger Mix aus Bitterstoffen und Säure, beides „gelb“ grundiert, stehen hier im Trinkprotokoll. Zum Löffeln dicht ist die Grapefruit dann auf der Zunge, die Spannung dieses Weines erkennen auch Laien! Ab der Gaumen-Mitte bricht sich der noch jugendliche Gerbstoff seine Bahn. Was aber nichts macht, denn ein anderes Element würzt diesen Riesling. Salz ist hier keine Verkosterprosa, kein „halb gefühlt//halb nicht geschmeckt“, sondern ein ausgeprägter Eindruck. Wer die marokkanischen Salz-Zitronen kennt, findet ihr 270 Grad-Geschmacksbild wieder: Herb, fruchtig, salzig und Umami verbinden sich in diesem Wein. Man braucht nicht den Urmeter des Riesling anlegen an den 2021er. Er ist ein eigenständig großer Wein, der gerade beginnt Freude zu machen.
Zur „Numen“-Serie gehört auch eine Sorte, die man vielleicht nicht vermuten würde. Doch auch der Gelbe Muskateller erhält ein besonderes Zillinger-Gepräge. Kitschige Frucht braucht man nicht zu erwarten, dafür gibt es beim 2022er Spannung und zitrische Akkorde, die lebendig wirken, als hätte man seine Zunge auf die 4,5 Volt-Batterie-Kontakte gelegt (bitte nicht nachmachen zu Hause!). Anfangs bewegt sich dieser Weißwein zwischen überreifer Zitrone und Limetten-Abrieb. Dann dreht sich das Duftbild in Richtung gelber Früchte, doch auch bei Reineclaude und Marille steht die Säure im Vordergrund.
Geschmacklich liefert der Muskateller eine ähnliche Dramaturgie; aus den zitrisch-säurigen Auftaktnoten wird ein fast buttriger, gelbfruchtiger Schmelz. Zur Komplexität dieser Ernte von über 35-jährigen Rebstöcken trägt auch ein zartes „Bitterl“ im zweiten Drittel bei. Die exotische Saftigkeit darf dann im Finale den Sortencharakter in Stellung bringen. Im Grunde ist dieser „Numen“ gleich drei Weine, die Verwandlung erfolgt aber ohne störende Zäsuren – übergangsloser Genuss mit jugendlicher Kraft!
Die Palette vervollständigte ein Wein, den es erst seit 2016 gibt. Damals reduzierte ein Spätfrost die Erntemenge aus der alten St. Laurent-Anlage „auf keine 500 Liter“. Statt Rotwein wurde es daher Rosé, der im 600 Liter-Fass vergoren wurde. Hier funkelt der 2021er Almandin-Rot im Glas, Hibiskus-Duft geht in eine rauchige Schokolade (Kochschoko-Style!) über. Am Gaumen sind die roten Beeren dezent, vor allem Rote Johannesbeere wird zunehmend dominant und wird auch von der säurig-frischen Art des Rosés getragen. Demgegenüber hatte der Jahrgang 2018 eine burgundischere Art zu bieten, hier kommt der Laurent kühl und fast speckig im Geschmack rüber. Das gut stützende „Bitterl“ am Ende zeigt aber auch, dass der Rosé „der anderen Art“ sich wie Rotwein verhält. Er reift – im Gegensatz zu vielen pinken Spaßweinen – nämlich bestens. Und hat auch nach acht Jahren noch nicht sein Optimum erreicht. In dieser Hinsicht ist also auch der rosa Zillinger ein echter „Numen“!
Bezugsquelle:
Johannes Zillinger, „Numen” Fumé Blanc 2022 ist um EUR 29,- erhältlich, der „Numen” Riesling 2022 kostet ebenso wie der Grüne Veltliner oder der Muskateller 2022 EUR 29,-, auch der „Numen” Rosé St. Laurent 2021 wird um EUR 29,- angeboten – alle im Webshop des Winzers, www.velue.at/online-shop









