Es war ein würdiger Sonntagsbeginn. Im Rahmen des Wachauer Weinfrühlings gastierten Carnuntumer Winzer bei ihren Kollegen zwischen Mautern, Rossatz und Spitz. Im Falle von Philipp Grassl, der am Tegernseerhof ausschenkte, kommt eine Freundschaft zu Martin Mittelbach als Gastgeber hinzu. Aber nicht nur deshalb ergänzten seine immer filigraner werdenden Rotweine das weiße Angebot am Tegernseerhof perfekt. Nach den straffen Rieslingen aus 2025 (hier im Detail trinkprotokolliert) setzte der Sankt Laurent die elegante Linie praktisch fort – in anderer Weinfarbe halt!
Ins Glas kam der „Alte Reben“ 2023, dessen granatrote Farbe schon die Burgunderfreunde kirre macht. Auch im Duft ist da der helle Beeren-Mix, den man mit Pinot Noir verbindet. Dass es keiner ist, zeigt aber der an Holleröster erinnernde, dunkle Zug. Auch er bringt aber Säure und dezenten Gerbstoff an die Nase. Ähnlich schmeckt dieser St. Laurent aus Göttlesbrunn dann auch. Die Pinot-Raffinesse sorgt für einen schlanken Auftakt, die dunklere Würzigkeit des Laurents – getrocknete Schwarze Olive, ein Alzerl Grünkaffee und ganz hinten auch Lorbeer – besorgt den Rest. Ein Wein, der jeden Tag Freude macht, gerne auch etwas angekühlt, so wie ihn Grassl neben den Wachauern serviert hat.
Vor allem aber haben die Weine des Göttlesbrunners das Zeug, auch Zweigelt-Skeptiker zu überzeugen. Denn jemand, der die Rebsorte wirklich liebt, trifft man selten. Ablehnung, wenn auch in unterschiedlicher Gradation, ist eher die Regel. Der „Ried Schüttenberg“ 2023 kommt Rubin-Rot ins Glas und zeigt sofort eine „dunkle“ Würze, dabei aber fast rotfruchtige Frische und Spannung. Preiselbeer-Duft trifft auf Graphit und Lorbeer. Doch die herben Eindrücke in der Nase sollen nicht täuschen; dieser Zweigelt kommt sehr saftig daher. Die Beeren sind blauer Art – Heidelbeere und Brombeere sind klar zu schmecken. Vor allem aber überrascht das letzte Drittel. Hier hat eine fast pikante Ader ihren Platz. Zusammen mit dem praktisch weggeschliffenen Gerbstoff dieses jungen Weines ist das ein überaus zugänglicher Vertreter, den sich alle einschenken sollten, denen die Sorte „zu sauer“, „zu plakativ“ oder „zu was auch immer“ ist.
Den wahren Trumpf spielt Philipp Grassl dann aber mit jener Cuvée aus, die Weinfreunde reflexartig mit seinem Namen verbinden: „Bärnreiser“. Hier stehen die ältesten Zweigelt-Stöcke des Weinguts – und wir reden von rund 60 Jahren! Aber auch der Blaufränkisch. Dazu kommen die „Gastrebsorten“, wie der Winzer die internationalen Trauben Cabernet Franc, Merlot und Cabernet Sauvignon nennt. Sie sollen weiterhin den Kern aus heimischen Sorten abrunden. Gemeinsam machen die beiden Cabernets im Jahrgangs 2023 nur acht Prozent aus, der Merlot steuert 20% bei.
Interessant wird es bei der Nase, denn hier ist der Paprika-Duft des „Cabs“ durchaus zu merken. Doch man darf sich das Verhältnis Duft zu Geschmack wie bei einem gelungenen Paprikahendl vorstellen: Was intensiv in der Nase ist, vielleicht sogar sehr pikant, ergibt dennoch einen perfekt molligen Saft zum Huhn. Und der aktuelle „Bärnreiser“ macht das ähnlich. Aus den Paprikatönen, die schnell von satter Beerenfrucht (Maulbeere vor allem) eingeholt werden, entsteht ganz Anderes. Himbeer-saftig und mitunter fast an Kirsche (nicht: Weichsel!) erinnert der erste Eindruck. Blaufränkisch stellt nicht umsonst den höchsten Anteil im Fünf-Sorten-Blend! Die feine Klinge merkt man trotz der Jugend am mittleren Gaumen. Beschlossen wird der Reigen von Kirschpaprika und etwas Lorbeer. Doch auch hier gilt, was der Schüttenberg bereits signalisiert hat: Der Gerbstoff, praktisch non-existent, lässt eine hohe Zugänglichkeit zu.
Dass Grassl immer mehr dem großen Holzfass vertraut, erwähnt er nebenbei, aber das Ergebnis gibt ihm definitiv recht. Die Tage, in denen man mindesten zehn Jahre auf die Flaggschiffe Carnuntums warten „musste“, sind mit Weinen wie diesem 2023er definitiv vorbei.
Bezugsquelle:
Weingut Philipp Grassl, St. Laurent „Alte Reben“ 2023 wird um EUR 29,99 angeboten, der Zweigelt „Ried Schüttenberg“ 2023 kostet EUR 30,99 und die Cuvée „Bärnreiser“ EUR 37,99 – alle in den Filialen von Wein&Co. bzw online, www.weinco.at





