Die Jahrgangspräsentation der Familie Rieder – als Winzer mit internationalem Renomée unter Weinrieder bekannt – ist immer eine spezielle Angelegenheit. Zum einen laden Fritz Rieder und seine Söhne traditionell in herrliche Locations. Früher war es das Schwarze Kameel mit seiner Beletage, nun ist es die Bar Campari. Doch vor allem ist es jedes Mal eine Werbung für den Stil der Poysdorfer Winzer. Denn nicht die jungen Weine, die natürlich als Gradmesser und Versprechen für die Zukunft Interesse wecken, sind das Thema. Sondern der Genuss gereifter Weine. Das zeigt der Jahrgang 2023, aus dem wir z. B. den Riesling „Ried Bockgärten“ verkosten. Zitrus und Rauch wie bei geflämmten Zitronenzesten riecht man da. Es ist eine Stilistik, die in einer Blindprobe Richtung Rheingau weisen würde. Lukas Rieder hat auch in Deutschland ein Praktikum absolviert, aber das tut dabei weniger zur Sache. Denn der saftige und kühler Weißwein aus dem Weinviertel erinnert an gelbe Melone und Zitronenfruchtfleischt. Es ist also einiges da, doch man merkt auch die noch junge Form.
Der mehr an Pink Grapefruit erinnernde Duft des 2021ers aus der Ried Bockgärten zeigt ein ähnliches Bild. Am Gaumen ist die Säure bereits etwas zugänglicher, doch auch da ist ein „Zuwarten“ angesagt. Fritz Rieder, der gerne lacht, setzt auch nach diesen Trinkprotokollen einen Grinser auf: „Unsere Weine brauchen meist fünf bis sechs Jahre“, hat er sich an die österreichische Ungeduld gewöhnt. Seine intensiven Abfüllungen schätzt man ohnehin in ganz Europa. Nicht zuletzt in Spitzenrestaurants wie dem „Fat Duck“ von Heston Blumenthal.
Doch man braucht nur einen Schluck vom 2018er Ried Hohenleiten zu machen, einer Lagenreserve vom Grünen Veltliner, um zu wissen, warum diese Weine so gefragt sind. Feine Reduktion in der Nase geht in einen feinen Rauchton über, der erst allmählich die Frucht-Noten erkennbar werden lässt. Wir denken sofort an Gute Luise-Birne mit einem dezenten Schalen-Bitterl. Aber das sind Momentaufnahmen bei diesem Wein, der sich minütlich mehr öffnet. Auch Weiße Schokolade gibt es da zum Trinkprotokollieren. Saftig wie das Pfirsichpürée, auf dem man einen „Bellini“ aufbaut, ist dieser Veltliner. Die Würze erkennen auch Laien; denn Piment und Nelke legen sich über den Steinobst-Mix. Die Marillen wirken wir frisch aus einem Kompott gefischt – ihnen haftet die Würze in jedem Schluck an. Dann kommt allerdings der Ton des Weinviertler Bodens auch noch hinzu: Im Finale lässt der „Ried Hohenleiten“ dann auch noch Sesamcracker schmecken. Das ist schlicht herrlich, nicht nur komplex.
Älter kann beim Weinrieder einfach mehr. So einfach ist das. Wobei es keineswegs einfach ist, diese Weine zu erschaffen. Doch auch der Ried Schneiderberg als Riesling aus einer Lage mit alten Rebstöcken macht da keine Ausnahme. Denn der Jahrgang 2020 bringt sehr viel Zitruszesten an die Nase. Neben Kumquat-Schalen blitzt aber auch die Würze durch – man riecht Estragon. Die feine Säure am Gaumen setzt das fort, doch dieser Wein hat auch eine schöne Fruchtsüße zu bieten. Man denkt fast an ein Pfirsich-Kompott bei dieser ausgeprägten Sortenaromatik. Dass es im Hall dann auch pikant werden darf, ist ein weiterer Pluspunkt dieses Weines. Der öffnet sich – ganz nach der „Weinrieder-Formel“ gerade erst einmal!
Etabliert hat sich bei den Tastings in der Bar Campari aber auch ein Wein, den Junior Lukas Rieder nach seiner Idee kreiert hat. Weshalb dieser Grüne Veltliner auch schlicht „by Lukas“ heißt. Und gefiel auch da der älteste Vertreter im Glas – Jahrgang 2019 – am besten. Fast schon ein burgundisches „Stinkerl“ bringt der irritierende Duft mit. Doch das sagt dem Kenner nur: Gib mir Zeit! Denn dann lassen sich Kleehonig und die feine Fruchtsüße, u. a. von Pfirsich und etwas Zuckermelone, erkennen. Saftig und kühl fällt der Kostschluck des „GV“ aus dem Spitzenjahrgang aus. Einer Fruchtbombe hat Lukas auch da widerstanden. Vielmehr sind es Eindrücke von Orangenschalen, Kaktusfeigen und ein toll stützender Gerbstoff, die den „by Lukas“ auszeichnen. Der Tiefgang, die leichten herben Noten und die dezente Säure ergeben ein Trinkbild, das an „Orange Wine“ erinnert, aber ohne deren gewollte Wildheit und in Kauf genommen Unsauberkeiten. Dieser Wein öffnet eine Falltür, hinter der prunkvolle Räume warten. Man darf sie mit jedem Schluck entdecken. Wobei man selbst hier noch ein paar Jährchen Zeit hätte. Weinrieder halt!
Bezugsquellen:
Weinrieder, Grüner Veltliner „Ried Hohenleiten“ 2018 koset EUR 39,-, auch der Veltliner „by Lukas“ 2019 kostet so viel, der Riesling „Ried Schneiderberg“ 2020 ist um EUR 39,- zu haben, alle ab Hof bzw. im Webshop der Rieders, https://weinrieder.at/



