Die Weinliebe beginnt hier schon beim Weg vom Parkplatz ins Lokal. Geht man in Tattendorf rechts, landet man im Keller der Reinisch-Brüder, links geht es zu Thomas Reinisch. Oder besser: Zu seinem Thomas benannten Restaurant am Weingut. Es ist ein Glücksfall, wie der Winzersohn hier nach dem Ende des Pacht-Heurigens seine Handschrift gefunden hat. Unaufgeregt und geschmacklich intensiv begleitet er an diesem Abend aber keine Weine von seinem Vater und den Onkeln, sondern Champagner. Das Haus Louise Brison hat aber keinen 08/15-Sprudel am Start, auch wenn man an den Traditionssorten Pinot Noir und Chardonnay festhält.
„Alle unsere Weine sind Jahrgangschampagner“, macht Fanny Breuill gleich zu Beginn des Abends klar. Statt einem nicht jedes Jahr möglichst ähnlichem Produkt wie bei vielen Prestige-Cuvées zeigt man Jahrgangsunterschiede wie im klassischen, im „stillen“ Wein üblich. Dass nicht jeder Champagner damit jedem Gast schmeckt, nimmt man in Kauf. Dafür entdeckt man auch Profile abseits des eingefahrenen Gaumenabdrucks. Und natürlich lassen die jeweils zwei servierten Jahrgänge freudiges Fachsimpeln entstehen. Gesprächspausen gibt es bei diesem Menü in Tattendorf kaum.
Doch es geht ja nicht um Konversation und Beziehungskisten an den Tischen, sondern die Schaumweine. Freude macht nach dem Aperitif (Jahrgang 2010 aus der Magnum) dann schon der erste Chardonnay-Flight. „Chardonnay de la Côte des Bar » 2017 trifft dabei auf den Jahrgang 2018. Der jüngere Wein beginnt verhalten und zeigt auch die stärkeren Hefenoten. Was als dezenter Orangen-Abrieb im Duft beginnt, punktet dann aber am Gaumen. Cremig und reichhaltig ist die Textur, man schmeckt die Agrumen – jetzt nicht mehr nur Orange! – in einem sehr frischen Champagner. Wer reine Chardonnays immer als üppig und tropenfruchtig wahrgenommen hat, lernt hier dazu. Bergamotte und Cedri sind zu schmecken oder besser: das ätherische Öl dieser herbsten Südfrüchte. Mit zu diesem frischen Eindruck trägt auch der Verzicht auf Fülldosage bei Louise Brison bei.
Dagegen muss sich der 2017er anstrengen. Er liefert eine fast Pinot Noir-reife Vorstellung in der Nase. Himbeere und eine extrem feine Perlage zeigen bei diesem lebendigen Champagner eine weitere Besonderheit des vom Schaumweinkontor importierten Hauses aus Noé les Mallets. Sämtliche Champagner lagern bei Mastermind Delphine Brulez fünf Jahre auf der Hefe, die Magnums sogar zehn Jahre. Somit kam z. B. auch ein Champagner des Jahrgangs 2008 mit noch äußerst feiner Perlage, aber keinerlei Überreife, auf den Gaumen. „Warm, fast zu warm als Jahrgang“ (© Fanny Breuill) stellte sich hingegen die Abfüllung 2005 heraus, doch auch das merkt man dem Wein ab, was die eigenwillige Art dieser „maison de Champagne“ unterstreicht. Dafür zeigte ein Jahr wie 2009, was mit den Weinen möglich ist.
Kümmel ist schließlich nicht der erste Duft, den man bei Champagnern gemeinhin notiert. Und doch denkt man an Schwarzbrot-Gewürze (auch Fenchelsamen) und erst in zweiter Linie an Orangen-Schalen bei diesem Jahrgang. Mundfüllend wie eine Orangen-Creme ist der 2009er im Geschmack, der von einer persistenten Säurestruktur ergänzt wird. Es ist ein toller Wein, der zwei Eigenschaften guter Schaumweine verbindet: einen gewissen Punch am Gaumen, aber eben auch Erfrischung.
Das besondere Highlight des Abends sind dann die beiden Louise Brison-Champagner in Rosé. Nicht von ungefähr gilt die Region Côte des Bar als ein Terroir der Pinot Noir-Versteher. Während sich der Millésime 2019 mit Rauch und einer süßeren Art bei auch schaumigerer Perlage zeigt, scheint einen der 2018er anzulächeln. „Drei Tage Mazeration“, erklärt Madame Breuill den Anwesenden die ungewöhnlich dunkle Farbe. Sie kommt also weniger von Reserve-Weinen, das zeigt der Duft auch an: Keine Süße, kein Gramm „Fett“, wenn man so will, dafür Kirsche und Hibiskus, die zur Farbe passen. Einen Kontrast liefert ein Schwung Pfeffer – diese Würze wird uns an diesem Abend noch öfter begegnen.
Für Ost-Österreicher ist der Geschmack ebenfalls leicht zu assoziieren. Walderdbeeren kennt man aus Schilcher und Uhudler, doch hier ist es eine gänzlich kühle Note. Denn auch Herzkirschen und ein Touch Weichsel schwingt geschmacklich mit beim 2018er Rosé. Im Nachklang bereitet er den Gaumen auf Thomas Reinischs Kalbsrücken vor – ein Alzerl Kaffee und Pfeffer würden aber auch „solo“ zum Weitertrinken anregen.
Bezugsquelle:
Louise Brison, Chardonnay de la Côte des Bar 2009 ist um EUR 110,- (0,75 Liter-Flasche) erhältlich, der Chardonnay de la Côte des Bar 2018 kostet EUR 33,10, der Rosé Millésime 2018 wiederum wird um EUR 38,- angeboten – alle Weine beim Schaumweinkontor, https://schaumweinkontor.com








