Da stehen sie also, die beiden Fässer aus den Vogesen, aus denen ein durchaus als Kultwein des südlichen Niederösterreichs zu bezeichnender Pinot Noir stammt. Wen Oswald „Ossi“ Steinbauer mit in den Keller unterhalb des kalkreichen Engelbergs nimmt, hat hier wenig Platz und doch viel Raum um zu „nerden“. Denn zwei verschiedene Toastings der Tonnellerie Remond bilden den Grundstock eines Pinot Noirs, der sich langsam und über die Mundpropaganda der regionalen Weinsammler seine Fans gefunden hat. „Es sind mehr oder weniger 500 Flaschen“, so der Winzer selbst, der seit 2014 in die Fuß-Stapfen der ehemaligen Hauer-Familie tritt.
Die machte immer schon Wein am südlichen Ende der Thermenregion, die aus Sicht von Gumpoldskirchen, Sooß oder Tattendorf eine Einschätzung genoss wie das tiefste Afrika im 16. Jahrhundert auf Landkarten: „Hic sunt leones“ – hier fing die wilde Seite des Weinbaus an. Was leider auch in den Heurigenbetrieben südlich von Leobersdorf an so mancher „Hauerperle“ nachzukosten war, die schlicht krampensauer war. Dabei lag es weniger am Terroir, sondern an der Sortenwahl. „Falsche Genetik“ nennt es Stefan Landauer knapp, der als Tattendorfer so was wie der advocatus diaboli (und ein sehr strenger) des Steinbauer’schen Weinbaus ist.
Der erfahrenste Lesehelfer Karl Ötsch, langjähriger Wirt in Muthmannsdorf und heute Wine Educator des Gastronachwuchses, bringt die Entwicklung im südlichsten Zipfel des blau-gelben Weinbaus auf den Punkt. „Es gab Zeiten, da hast Du Dich über 15 Grad (Klosterneuburger Mostwaage alias KMW) gefreut“. Der gerade gelesene 2026er Steinbauers (für Kenner: Pinot-Klon 777, den dereinst auch der Schweizer Daniel Gantenbein setzte) hat 19 Grad KMW. Doch Werte sind Werte, weshalb die Lesehelfer auch an die Fassmuster des 2025er geleitet werden. Hier im Keller kann man den Rotwein verkosten, der für die seit fünf Jahrgängen konturierte Linie Steinbauers steht: Estragon, Liebstöckel und erst dahinter die Frucht – klare Weichsel, weniger Himbeere – verströmt der Wein aus dem linken Fass. Herrlicher Trinkfluss, ein Touch Ribisln und die „saure Goschen“, der Tattendorfer Burgundermacher von der Rebsorten-Diva fordert, sind klar gegeben.
Dagegen zeigt das rechte Fass deutlich mehr Vanille, viel mehr jugendlichen Gerbstoff und eine final belegende Note in diesem unfertigen Zustand. Aber dieser 2025er-Pinot liegt bei Ossi auch noch ein gutes Jahr im Remond-Gebinde. Zwei Jahre lässt er dem Wein Zeit, der meist zwei Wochen gärt und minimal geschönt und geschwefelt wird. Die langsame Entwicklung ist so wie die Handlese der Rebzeilen rund um das Haus ein Luxus der kleinen Produktion.
Der Lesezeitpunkt 2026 fällt praktisch mit dem Release-Datum des 2024ers als aktuellem Jahrgang Steinbauers zusammen. Der trinkprotokollierte Rote kommt also in wenigen Tagen in den Handel – wobei ein gutes Drittel von Freunden des Hauses bereits ausreserviert ist. Der 2024er „Steinbauer“ (der Wein heißt wie der Winzer, den Schriftzug setzte die Gattin auf Logo und Karton) bringt einen Duft mit, der typische Pinot Noir-Noten zeigt. Die gerne belächelte Spur von Cola-Nuss, unserer trinkprotokollarisches Höchstlob für „PN“, trifft auf weitere Würzegeber wie Mandel und grünen Kardamom-Kapseln.
Die Frucht hält sich anfangs im Hintergrund, bringt wie der 2025er aber mehr Sauerkirsche als rote Beeren mit. Der erste Schluck ist saftig und erinnert mit der säurigen Frucht Berberitze und Granatapfel mit (Landauers „saure Goschen“ darf abgehakt werden!). Den Überguss liefert dazu etwas Mokka. Diese Note zeigt die Spuren des Holzes, das sich in den zwei Reifejahren gut einbinden konnte. Vor allem aber lässt sich eine klare Tendenz erschmecken: Auch dieser Thermenregion-Süd-Burgunder will aufgehoben sein. Flaschenreife ist auch für den Winzer selbst ein großes Thema: Trotz der geringen Menge legt er zehn Prozent der Ernte zurück. Womit nach getaner Lese-Arbeit auch ein Vergleich der Jahrgänge 2022 und 2023 ansteht.
Man kann es den Winzendorfer Weg der Verfeinerung nennen. Denn die satte Amarena-Frucht und finale Pikanz des älteren Weins ist im 2023er einer lebendigeren, säurigeren und deutlich trinkanimierenderen Art gewichen. Wer die Klimadaten der beiden Jahre kennt, sieht hier die Ordnung auf den Kopf gestellt. Wer den Weg des jungen Quereinsteigers verfolgt, wird es eher eine steile Lernkurve nennen. Zu ihr gehört auch der erhöhte Anteil an Ganztrauben ab 2025. „Heuer lese ich noch mehr davon mit“, so Steinbauer. Aber dazu kann man dann frühestens 2028 etwas sagen. Besser noch 2030. Denn vier Jahre Geduld ergeben definitiv Sinn bei Ossi, dem Garagenwinzer. So viel kann man schon nach fünf Jahren Burgunder-Liebe am Engelberg sagen.
Bezugsquellen:
Oswald Steinbauer, Pinot Noir 2024 ist um EUR 70,- am besten direkt beim Winzer (DM, wie die Insta-Jugend sagt) erhältlich, www.steinbauer-wein.at





