Weder das Wörtchen „Chateau“, noch den klingenden Namen der Gemeinde Puligny-Montrachet durfte Ernst Loosen auf seine Etiketten schreiben. Da ist das Weinrecht in Frankreich penibel. Denn Loosen arbeitet als Négociant und kauft Moste und fertige Weine zu, die speziell gereift werden. Die Vorgeschichte beginnt damit, dass sich der weltbekannte Mosel-Winzer, der auch in Oregon Pinot Noir und Riesling keltert, ins Vieux Chateaux de Puligny-Montrachet verschaut hatte. Oft war er hier als Gast gewesen. Als es die Hälfte des Anwesens (samt Keller!) zu erwerben gab, schlug der bekennende Burgunder-Fan („Im Privatkeller habe ich sicher 15.000 Flaschen aus der Bourgogne“) daher zu. Der wichtige Partner, ohne den es keine nennenswerten Weine zu kaufen gäbe, steht bei der Vorstellung des neuen Projekts neben Erni Loosen. Es ist Manoël Bouchet, der aus dem Burgund stammt und nicht nur als Fass-Händler viele Kontakte zu den kleinen Produzenten gesammelt hat. Gemeinsam fanden sie den Namen Perron de Mypont. Der Bürgermeister aus den frühen Tagen des Schlosses, das 1530 entstand, wurde zum Paten der aktuell elf Weine.
Vorgaben dafür sind zumindest zwölf Monate auf der Hefe, es gibt nur bei den Premier Crus Barrique-Einsatz und vor allem verzichtet man auf die Bâtonnage, also das Aufrühren der Hefe. Die so gereiften Weine seien weniger anfällig für die Nemesis der Burgunder-Trinker, die sich „Premox“ (=premature oxidation) nennt. Und wie „praecox“ liegt in diesem Altern vor der Zeit nichts Gutes. Das will das Duo bei seinen Chardonnays und Pinot Noirs aber verhindern.
Von der Terrasse aus siehst Du wie in einem riesigen Fernseher auf die teuersten Weinberge der Welt.
Ernst »Erni« Loosen, Winzer
Die Verkostung der Burgunder-Freunde startete dennoch mit einem anderen Wein, dem vielleicht großen Unbekannten der Region: Aligoté. Viele kennen ihn nur aus dem originalen „Kir“, doch Manoël Bouchet sieht in der Rebsorte eine gute Zukunft. Der leicht salzige Wein aus dem Jahrgang 2024 hat jedenfalls das Zeug zu einem anständigen sommerlichen Wein, der zu Fisch und Meeresfrüchten glänzt, aber auch Glas-weise großen Spaß macht. Die dezente Reduktion und der Duft eines Grapefruit-Sorbets verströmen Kühle und etwas Rauch. Die Zesten sind auch im Geschmack ein integraler Bestandteil, der sich zur anfänglichen Birnen-Note gesellt. Deutlicher schmeckt man dann Bergamotten-Öl im letzten Drittel. Es ist ein echter „vin de soif“. Man muss einspeicheln, so knackig ist dieser Aligoté. Und er ist ein mehr als leistbarer Schluck!
Großes Fass, kleiner Preis: Bourgogne 2023
Wie die großen Fässer, die er bevorzugt für die Einstiegsweine von Perron de Mypont im Keller verwendet, hat Loosen auch seine Philosophie von der Mosel importiert. Wie die dortigen Gutsrieslinge eine Visitkarte darstellen, die sich über Qualität, nicht den Preis definiert, ist auch sein Gebietswein, der „Bourgogne blanc“ 2023, positioniert. Dieser Chardonnay duftet nach Biskotten und einer Fülle an gelben Früchten. Von Quitten bis Bananen spannt sich der aromatische Bogen. Er signalisiert breite Schultern und eine schlanke Taille, kräftige Striche und karge Seiten zugleich. So mag man seinen weißen Burgunder ja auch.
Sehr tropenfruchtig beginnt er am Gaumen, doch wie schon vermutet, ist das nur das feiste „Yin“. Das „Yang“ dazu liefert Weißer Pfeffer. Was mit Passionsfrucht, also auch: säurig, und Mango im vollen Saft beginnt, bekommt einen cremigen Mittelteil. Die 500 Liter-Fässer, „daheim“ als Halbstück bekannt, in Frankreich als „demi muid“, geben nur einen Touch Vanille im Duft mit. Am Gaumen ist es dann eine dosierte Butterkeks-Tönung. Dank des Verzichts auf das Aufrühren der Hefe bleibt es aber bei einer Andeutung. Wuchtbrumme will man ja auch keine kreieren.
Noch präziser wird es beim „Village“, dem Ortswein aus Meursault, ebenfalls aus der Ernte des Jahres 2023. Hier liegt ein feiner Schießpulver-Ton über dem intensiv exotischen Fruchtspiel in der Nase. Grüne Mango, ein Haucherl Kurkuma, aber auch Orangenblüten Zuckermelone und Mispel lassen sich mit Luft allesamt riechen. Komplex bleibt es beim Kostschluck; wir notierten eine feine Würze, die hier an Safran denken lässt in der herb-säurigen Kraft. Der buttrige Ton von „Shortbread“ wabert ebenfalls im Hintergrund mit, ist aber Beiwerk. Denn florale Noten zeigen die Finesse dieses Weins.
Die Kamille und Melisse im Geschmack werden noch von einem leichten „Bitterl“ ausgebremst. Das ist auch gut so, denn ansonsten wäre der „Meursault Village“ fast schon zu zugänglich. Der Rest an Gerbstoff zeigt aber seine Jugend an. Ein Jahr oder zwei kann man noch zuwarten. Wobei es bei diesem einfach schön zu trinkenden Chardonnay schwer fallen mag.
Anschmiegsam! Der Volnay Village 2023
Die rote Seite seines neuen Projekts startet ebenfalls mit einem „Gebietswein“. Für Pinot Noir-Fans mit „budget restraints“ wird es aber eher beim Village spannend. Er stammt aus Volnay und dem Jahrgang 2023. Das schöne „Stinkerl“ liebt man gleich einmal, ehe die Weichsel- und Himbeerdüfte sich fruchtig breit machen. Sie sind nicht allein. Auch an Heidelbeer-Creme streift dieser Pinot Noir an. Und auch ein wenig Vanille darf mitspielen.
Das seidige Mundgefühl ist in Trinkprotokollen oft eine Floskel, aber dieser Rotwein fühlt sich in der Tat anschmiegsam an. Piment und fein gemahlener Schwarzer Pfeffer sorgen für Würzigkeit, doch die roten Früchte wirken dadurch nur noch eleganter. Die Säure ist lebendig und gibt viel Frische bis ins Finale mit. Das fällt lange aus und man freut sich. Denn diesen eleganten Schluck rollte man gerne länger auf der Zunge.
Dann schlägt die Stunde der drei roten Premier Crus. Sie sind jeder für sich beeindruckend, zeigen aber klar die Unterschiede der Lagen. Vosne-Romanée „Les Suchots“ hat nicht nur das intensivste Burgunder-Stinkerl zu bieten, auch die Kräuter springen hier förmlich aus dem Glas. Der 2022er lässt uns Estragon, Olivenblätter und Lorbeer assoziieren. Saftig und mit geschliffenem Gerbstoff präsentiert sich dieser Wein. Vor allem im Vergleich zum 2023er aus Gevrey-Chambertin. Der „Èstournelles“ trägt die alte römische Bezeichnung „turris“ für „Turm“ im Namen. Mit 350 Meter liegt sie für burgundische Verhältnisse relativ hoch, zudem ist es eine kleine Lage, die sich sechs Weinbauern teilen. Was davon bei Loosen in die Flasche kommt, ist aber ein wunderbarer Schluck.
Auch hier muss der Anflug alter Socken aus dem Glas gelüftet werden, ehe die wahre olfaktorische Seite sich zeigen kann: Wacholderöle, praktisch keine benennbare Frucht, dafür aber Struktur und Würze sind die Kennzeichen. Hier ist bei den kleinen Eichenfässern auch 40% neues Holz im Spiel, verrät Monsieur Bouchet (am kleinen Bild links). Mundfüllend ist dann die Preiselbeer-Note, die auch deshalb so deutlich an die Moosbeeren erinnert, weil sie auch Gerbstoff mitbringt. Eine feine Fruchtsüße ist zwar da, wird aber noch (wir schreiben ein zweites Mal: noch!) von etwas zu markantem Gerbstoff überlagert wird. Ohne Zweifel wartet hier aber ein herrlicher Pinot Noir zum Lagern.
Wo die Reise hingehen könnte, weist den Gästen des Tastings ein Wein, der älter ist als das Burgund-Engagement. Denn der 2019er wurde in Vougeot angekauft, um die Geschäftsbeziehung mit den Winzern dahinter zu festigen. Es ist ein Blend aus zwei Parzellen, der einen würzigen Typus darstellt: Tonkabohne, Eichenspäne und Sauerkirsche werden von dezenter Malve begleitet. Saftig und fast fruchtsüß kleidet die Kirsche auch den Mund aus. Der Kakao-Geschmack ist anfangs unerwartet, verwebt sich aber perfekt mit der Frucht. Man muss den Gerbstoff fast suchen, dafür ist auch die Kräutrigkeit ganz leise. Doch mit diesen auf Zehnspitzen hinzutretenden Eindrücken ergibt sich am Ende das Bild eines tollen Stils. Mögen dem Négociant aus Deutschland diese Partner erhalten bleiben!
Bezugsquelle:
Perron de Mypont, Aligoté 2024 kostet EUR 20,90, der Bourgogne Chardonnay 2023 wird um EUR 21,90 angeboten und der Meursault Village 2023 um EUR 110,90. Volnay Villages 2023 kostet EUR 59,-, der Premier Cru Gevrey-Chambertin „Èstournelles“ 2023 ist um EUR 176,- zu haben, Vosne-Romanée „Les Suchots“ 2022, ebenfalls Premier Cru, wird um EUR 220,- gehandelt – alle Weine bei Kracher Fine Wine, www.finewineshop.com







