Ein Manifest vor der Weinkost? Hat man nicht alle Tage. Dass es ORF-Anchorwoman Nadja Bernhard verliest, noch seltener. Doch die Winzer sind eh da. Armin Tement, Andreas Wickhoff und der Mann, der aktuell die Schlagzeilen beherrscht: Roland Velich vom Weingut Moric. Hatte man Anfangs noch Bedenken, den Termin am dritten Tag der Weinmesse VieVinum zu füllen, stand man nun vor einer Warteliste. Und das am Montag-Morgen.
Denn der Wirbel um einen mit 100 Punkte prämierten Rotwein, der bei der heimischen Kostkommission zur Prüfnummer zweimal durchgefallen war, trieb die Gäste zum Weintrio hinter dem offenen Brief zur Weinzukunft. Der Rotwein, um den sich der Großteil des Small-Talks bei der Messe dreht, kommt als dritter in Glas. Trockener Velich-Humor: „Es ist der Rote“! Was insofern lustig war, als daneben der Sauvignon Blanc „Kår“ von Tement und Bründlmayers „Kammerner Ried Lamm“, ein Veltliner, stehen. Beide Weine gingen aber beinah unter, weshalb wir sie gerne trinkprotokollieren.
Die gekonnte Reduktionsnote erinnert bei Bründlmayers 2020er an den guten alten „Flint“ vulgo Feierstein. Primärfrucht sucht man hier vergebens, allenfalls eine geflämmte Grapefruit-Zeste mag man sich einreden, wenn man nach Frucht sucht. Doch darum geht es bei diesem von Rauch und Struktur geprägten Weißwein auch nicht. „Weißen Mohn“ nennt es Andreas Wickhoff, der Master of Wine (MW), wir hätten es bei leicht getoastetem Sesam belassen. Aber die zart nussige und elegant rauchige Art stimmt schon. Erst dahinter kommt man auf den Geschmack von Quittenkäse. Säure und auch ein eingekochtes, aber nicht süßes Element stehen da zu Buche. Senffrüchte sind eine Analogie, wenn sie jemand kennt, vor allem solche auf Pfirsich basierend. Der Nachhall löscht dann quasi die Tafel des Geschmacks wieder. Um dann – mit Wartezeit von einer Minute – einen salzigen Akkord auf die Zunge zu zaubern. Für viele mag das kein typischer Veltliner sein, aber es ist ein herrlicher Wein aus einem unterschätzten Jahr!
Salz ist auch bei Armin Tements Wein ein Thema. Förmlich riechen kann man die saline Ader und auch die Säure dieses Sauvignons vom ältesten Teil des Ziereggs, einer Westlage. Mit jeder Minute öffnet sich dieser 2022er mehr; dann hat man Passionsfrucht-Kerne, ein Büschel frischen Koriander und auch Mango-Lassi vor sich. Gibt man ihm noch mehr Luft, ist da auch ein Alzerl Vanille. Komplex und angenehm, ist dieses Duftbild. Der Wein dahinter steckt mit feiner Säure gleich zu Beginn sein Terroir ab. Dieser Nerv wird sich durchziehen, dabei aber zunächst Kräuter auffädeln. Neben Koriandergrün kommt auch Petersilie zu ihrem Recht; Melisse erkennt man etwas später. Im Finale dreht der Wein praktisch allen Fruchtverliebten eine lange Nase: Gelben Apfel, Zitronenzeste und ein paar Scheiben Kiwi hat sich dieser Wein aufgespart. Also wollte er sagen, Hey, wenn es sein muss, habe ich das auch drauf. Aber Leit-Thema ist das beim „Kår“ nicht.
„L“ statt „Lutzmannsburg“ beim 2023er
Doch da drehen die meisten schon unruhig das Burgunderglas von Zalto in der Hand. Was ist jetzt mit dem „Alte Reben L.“ 2023, der nicht mehr Lutzmannsburg ausschreiben darf (mangels Prüfnummer)? Nun, man kann den Verkoster der Prüfnummer eines nicht verdenken: Leicht macht es der „Alte Reben“ dem Verkoster nicht. Das ist jetzt noch so und war aus dem Fass sicher noch anders. Aber warum soll er auch „easy“ sein? Wer gibt das vor? „Käsig“, wie es die Prüfer angeblich notierten, ist da aber gar nichts. Milchsäure und Umami, was Käse olfaktorisch ausmacht, haben wir nicht in der Nase. „Farmyardy“ nennen das die englischen Verkoster schon eher, für uns ist es eine Mischung aus angegorenen Kirschen und Grünem Kardamom.
„Das war immer so“, meinen die Velich-Fans dann beim Messe-Rundgang und animieren uns zum Nachblättern. Den Jahrgang 2021 – damals noch klar als „Lutzmannsburger“ ausgeflaggt – verkosteten wir recht jung und auch da führte die erste Duftassoziation weit weg vom Thermenland: „Salzluft, geschwängert mit Algen und Treibholz, wenn an einer Felsküste der Wind aufkommt“, beschrieben wir dann das würzige Element der uralten Reben.
Im Künstlerzimmer der Hofburg dauern Rede, Gegenrede und kluge Kommentare lange genug, dass sich der 2023er öffnen kann. Aus den stinkigen Kirschen wird Amarena, aus dem Kardamom Kreidestaub, ätherischer Wacholder und auch grüne Haselnuss. Es ist viel da, nur nicht genug Zeit, schon jetzt das volle Potential zu erfassen (auch deshalb sind 100 Punkte vom Fleck weg problematisch – was soll da noch kommen?). Denn zulegen wir dieser kühle Wein voller dunkelfruchtigem Samt sicher noch. Er bietet beides, eine anschmiegsame Art, aber auch ein Herz, das würzige Schläge auf den Gaumen austeilt. Piment d’Espelette ist da u. a. zu schmecken.
Grandios, wenn man ihm eine gute Stunde im Glas gegönnt hat, stellt sich die Zugänglichkeit dar. Die oft gezogene Parallele zwischen Sangiovese und Blaufränkisch hat selten etwas für sich – hier aber versteht man sie. Den Gerbstoff muss man fast suchen bei diesen „Alten Reben“. Schlank und nach oben strebend ist dieser „vertikale“ Wein. Kein Dom, kein Andachtswein, eher eine zerebrale Forderung – man denke an eine Giacometti-Statue. So weit unser Eindruck vom Wein der Stunde. Die Forderungen auf Papier haben nämlich erst begonnen…
Bezugsquellen
Bründlmayer, Grüner Veltliner „Ried Kammerner Lamm“ 2020 ist um EUR 147,- nur mehr als Magnum (1,5 Liter-Flasche) bei Döllerer zu haben, https://shop.doellerer.at/
Tement, Sauvignon Blanc „Ried Zieregg Kår“ 2022 ist um EUR 69,- an Hof bzw. im Webshop zu haben, www.tement.at
Moric, Blaufränkisch „Alte Reben L.“ 2023 ist in Restmengen bei WeinFurore um EUR 120,- erwerbbar, www.weinfurore.de







