Mehr als 12 Jahre war Marchese Lamberto Frescobaldi nicht mehr in Wien, um seinen ikonischen Ornellaia vorzustellen. Diesmal aber führte die Jahrgangspräsentation an die Donau. Und der toskanische Adelige ließ es sich nicht nehmen, eine „Mini-Vertikale“ des Bolgheri-Weins anzuschließen. Man sollte den Wein, der mit Jahrgang 2022 ja auch einen Wechsel beim Önologen erlebte, im Längsschnitt verstehen.
Der konkrete Anlass trug den Namen „La Vitalità” (Vitalität), denn wie jeder Jahrgang hat auch der „Ornellaia“ 2023 einen Beinamen. Und er wird ihm auch gerecht. Denn was anfangs noch staubig im Duft und auster zur Nase ist, schlägt einen Pfad zur Frucht. Ganz klart ist dann Sauerkirsche zu riechen, man sieht sogar die dicken Schalen vor sich – so evoziert dieser toskanische Wein Bilder. Doch das Auffälligste ist der Wandel. Denn Minuten später wird man da auch feuchtes Moos, feucht und vital, nicht trocken, merken. Wieder eine Viertelstunde später (der Marchese lässt ordentlich Kostschlucke nachschenken!) sind dann breite Vanille-Töne – wohlgemerkt aus dem Nichts – da.
In der Textur ist der 2023 schon sehr zugänglich. Wie viele Häuser Italiens hat man die Lektion gelernt, dass eine neue Generation keine Weine der Marke „10 Jahre braucht er“ schätzt. Kirsche in allen Facetten, von Blüte über saftige, rote Fruchtigkeit bis Schalen-artig herb, ist da. Man schmeckt aber auch flüssige Schokolade, wie sie aus einem „Lava Cake“ kommen könnte. Erst dann kommt das noch junge Tannin des Blends (55% Cab. Sauvignon, 26% Merlot, 12% Cab. Franc und 7% Petit Verdot) auf die Zähne. Dort spürt man die Jugend just in jenem Moment, in dem sich die Vanille und hellere Kirschfrucht in der Nase zeigen. Es ist eine gemeinsame Aussage zweier unterschiedlicher Eindrücke: Sie verweisen auf das ebenso lange Leben, das dieser Wein haben wird, aber eben auch seine verführerische Jugend.
Vom „Gleichgewicht zwischen Ausdruckskraft und Eleganz“ spricht dann der technische Direktor des Weinguts als einem Markenzeichen des Ornellaia. Beim 2023er kann man das erahnen. Vor allem aber weiß man schon beim Duft, dass es sich um einen komplexen Wein handelt.
Der zweite Schluck eines Weines ist relevanter. Vor allem aber: Möchte ich überhaupt einen zweiten Schluck.
Marchese Lamberto Frescobaldi
Beinahe vorwitzige Lebendigkeit liefert das Duftbild beim ersten reiferen Ornellaia. Der 2016er heißt nicht von ungefähr „La Tensione“ (Spannung). Der beinahe ungezähmte Geruch von Rotem Paprika lässt wieder ein Bild erstehen – ein seriöser Herr, der eine rosa Hose trägt. Erst dahinter findet sich Kornellkirsche und Preiselbeere als sehr würzige Früchte, wozu auch Grüne Olive beiträgt. Gibt man ihm mehr Luft, wirkt die Preiselbeere so ausgeprägt wie eine Konfitüre der bitteren Beere. Diese ausgeprägte Rotfruchtigkeit ist es auch, die Lamberto Frescobaldi meint, wenn er davon spricht, „dass der Merlot für mich hier so schön durchkommt“.
Doch wie schmeckt „La Tensione“? Strahlige rote Frucht bringt dieser Wein mit, bemerkenswert geschliffen für das vergleichsweise niedrige Alter sind die Tannine. Man muss sie nämlich richtiggehend suchen. Pure Preiselbeere, herb und fruchtig, satt dahinströmend, ist dieser Rotwein. Doch man sollte sich nicht täuschen! Im Nachgang sind attraktive Kaffee-Noten zu schmecken, die dann für ein fast trockenes Finish sorgen. Quasi den Gegenpol, einen von Cabernet getragenen Ornellaia, stellen wir dann in Teil 2 der Trinkprotokolle zur „Mini-Vertikale“ dar…
Bezugsquelle:
Ornellaia, Ornellaia Bolgheri DOC Superiore 2023 („La Vitalità”) ist um EUR 235,- bei Vinorama erhältlich, Ornellaia, Bolgheri






