Es gibt Verkaufszahlen. Und dann ist da die inoffizielle Rangordnung. Geht es nach dem Absatz, dann braucht man in Sachen Scotch Whisky nicht viel diskutieren. Rund 90% des Weltmarkts machen die Blended Scotchs aus. Sie setzen sich aus einem Mix von zumindest einem Single Malt und deutlich mehr im Volumen an Single Grain (=Whisky aus ungemälztem Getreide) zusammen. Als höherwertig wird zwar der Single Malt gesehen, doch er ist ein Minderheitenprogramm. Noch seltener findet man nur Single Grains, also eigens abgefüllten Whisky, der in keinen Blend kam. Und dann gibt es noch die Ultra-Rarität eines „Vatted Grain Whiskys“. Dafür kommen mehrere Grain-Destillate zum Einsatz. Das hatten in der Tat auch Kenner des Lebenswassers nicht so oft im Glas.
Einer, der ein Faible dafür hatte, war John Glaser. Als er 2000 den unabhängigen Abfüller Compass Box gründete, tat er das mit einem Paukenschlag. Statt einem extra-fancy Single Malt oder zumindest einem Blend mehrerer dieser Whiskys (das wäre dann ein „Vatted Malt“ gewesen) kam „Hedonism“ als erste Abfüllung auf den Markt. Der stellte einen „Vatted Grain“ dar. Und ist es bis heute geblieben. Glaser übergab zwar die Führung des Unternehmens, doch seine Idee feiert man zum 25. Jubiläum erneut.
Wobei der Bilderstürmer John Glaser die Community nicht nur daran erinnerte, dass es auch „Vatted Grain“ geben kann. Sondern er wandelte auch das Bild des Whiskys. Bewusst setzte er der Macho-Branche Etiketten vor, die die Stärke der Frau feierten. Beim „Hedonism“ sorgt die Beauftragung wechselnder Künstlerinnen für Kontinuität auch bei der Optik. Heuer wurde es Sofia Bonati. Ihre starke Schöne passt zum „Hedonism 2025“, einer limitierten Abfüllung (9.912 Flaschen), die kantige 46% vol. aufweist.
Wie üblich steht eine komplexe Gemengelage hinter diesem Compass Box-Whisky. 10,1% der Menge stammt aus Girvan, der Grain-Destillerie von William Grant&Sons. Der zweite Gigant des ungemälzten Whiskys in Schottland, Cameronbridge (im Besitz Diageos), steuerte drei Chargen bei. Spannung am Gaumen bringt vor allem jener 2,8% große Anteil ein, der nicht in Ex-Bourbon-Fässern, sondern in erstmals mit Whisky befüllten Marsala-Barriques reifte. Dazu kommen ältere Bestände des „Hedonism“, die bereits 2022 und 2023 verschnitten wurden.
In der wie üblich nicht nachgefärbten, hellen Anmutung wirkt der „Blended Grain“ (wie der „Vatted Grain“ heute offiziell heißt) harmlos. Doch ein erstes Schnuppern bringt eine ganze Konditorei-Vitrine zum Vorschein. Kokos-Busserl, Financiers mit gemahlenen Haselnüssen, Madeleines und – um auch der Fruchtigkeit des „Hedonism“ die Ehre zu geben – Bananenschnitte sind da. Süß und weich fällt auch der erste Kontakt am Gaumen aus; vor allem an Milch-Schokolade denkt man zu Beginn. Dank eines Hauchs von gemahlenem Ingwer, Weißem Pfeffer und der Kraft der 46% Alkohol wir der würzige Eindruck immer stärker.
Man fühlt das beinah taktil, durch ein zartes Bremseln auf der Zunge. Doch der Kern ist zugänglich und sanft. Später kommt auch die Haselnuss noch einmal zu Ehren, dazu ein mehr gefühlter als zu schmeckender dezenter Rauch. Als hätte man die Teetasse mit Lapsang Souchong nicht gut genug ausgespült, bevor der nussige Assam aufgebrüht wurde. Ideal ist diese Form eines Whiskys übrigens zu einem Milchkaffee am termin-freien Nachmittag. Schließlich heißt er ja auch „Hedonism“!
Bezugsquelle:
Compass Box, „Hedonism 2025” ist um EUR 89,90 (0,7 Liter-Flasche) z. B. beim Spezialhändler Whic.de zu haben, https://whic.de